Voneinander lernen – Engagement bei "Tierärzte ohne Grenzen"


Nachgeforscht bei Dr. Olaf Bellmann, dem Institutstierarzt und Tierschutzbeauftragten des FBN und seit Jahren bei "Tierärzte ohne Grenzen" engagiert

Hallo Dr. Bellmann, Sie arbeiten seit 1997 am FBN und sind hier als Institutstierarzt sowie als Tierschutzbeauftragter tätig. Was sind Ihre Aufgabenschwerpunkte? 

Dr. Bellmann: Ich berate die Wissenschaftler:innen am FBN in allen Fragen und Belangen rund um das Thema Tierversuch, wie z.B. wie die Belastung der Tiere reduziert werden kann oder wie Genehmigungsprozesse ablaufen. Darüber hinaus kläre ich darüber auf, wie das Tierwohl im Rahmen von Tierhaltung und Tierversuchen bestmöglich sichergestellt werden kann und habe die Gesamtverantwortung für die Gesundheit der Tiere hier am FBN, denn nur von gesunden Tieren können wissenschaftlich verwertbare Daten gewonnen werden. Ich berate und bilde auch in allen Belangen des Tierschutzes aus, kurz: Wann immer es um Belange des Tierschutzes am FBN geht, bin ich zur Stelle. 

Gibt es besondere Projekte und solche an denen Sie gerade besonders intensiv arbeiten? 

Viele Ausbildungskurse im Bereich Versuchstierkunde fokussieren auf Labornager, mit einem Schwerpunkt auf landwirtschaftliche Nutztiere kann das FBN ein echtes Alleinstellungsmerkmal vorweisen, z.B. mit dem Thema der Verbesserung des Tierwohls in der Nutztierhaltung. So konnten wir vor einiger Zeit zielgerichtete Fortbildungen FELASA-zertifizierter Kurse und Tagesseminare im Bereich Versuchstierkunde bei landwirtschaftlichen Nutztieren etablieren.  Darüber hinaus arbeite ich an der Entwicklung verlässlicher Kataloge zur Belastungseinschätzung bei landwirtschaftlichen Nutztieren im Tierversuch. 
Wissenschaftler des FBN waren und sind beteiligt an verschiedenen Gremien bundesweit, die den Fokus auf landwirtschaftliche Haltung oder Tierversuchswesen legen. Zum Beispiel wurde unter meiner Moderation der Tierschutzplan Brandenburg erstellt, der einen Kompromiss zwischen den Bedürfnissen der Landwirte, der Konsumenten und der Wissenschaft erforderte.
Auch in der Tierversuchskommission des Landes MV ist seit Jahren ein Vertreter des FBN ständiges Mitglied (lesen Sie hier unsere letzte Folge der Reihe „Nachgeforscht“ mit Dr. Jan Langbein!).

Neben Ihrer Tätigkeit am FBN engagieren Sie sich auch bei „Tierärzte ohne Grenzen“ – was sind die Aufgaben des Vereins und wie hilft er Tierhalter:innen und Tieren in anderen Ländern?

Der Fokus liegt auf der Unterstützung von Menschen, die von Tierhaltung leben, umfasst aber viele weitreichende Projekte, von reiner Tierhaltung über Schulungen im Bereich Tiergesundheit bis hin zu der Vermarktung tierischer Produkte, aber auch Hygiene und Gesundheitstraining, AIDS Aufklärung und vieles mehr. Die Arbeit umfasst alle Lebensbereiche von Pastoralisten (Menschen, die eine mobile Tierhaltung betreiben, welche natürliche Busch- und Graslandweiden entlang des Niederschlagvorkommens nutzen). Regional liegt der Focus auf Ostafrika (Kenya, Südsudan, Sudan, Ethiopia, Somalia, Uganda).
Der Verein Tierärzte ohne Grenzen e.V. (ToGeV, www.togev.de) wurde 1991 als studentische Initiative an der Tierärztlichen Hochschule Hannover gegründet, ich bin seit 1996 dabei und auch seitdem im Vorstand, von 1997 bis 2006 als Vorsitzender. Mittlerweile hat der Verein ca. 300 Angestellte in Deutschland und in Afrika.

Was hat Sie dazu bewegt, sich dort zu engagieren? 

Ich habe mich schon immer sehr für Ostafrika und das Leben der Menschen dort interessiert und die Region auch mehrfach für längere Zeit bereist. Ich habe dort erfahren, wie wenig man eigentlich benötigt, um ein gesichertes und zufriedenes Leben zu führen und wie verschwenderisch und damit zerstörerisch wir hier leben. Unser Wohlstand ist zum Teil auch auf die Unterentwicklung der afrikanischen Regionen zurückzuführen. Um zumindest ein bisschen so etwas wie Chancengerechtigkeit zu ermöglichen, auch nur in kleinem Rahmen, ist es mir wichtig, mich zu engagieren. Viele Familien in Afrika haben beispielsweise gar nicht die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Wegen zu wählen, während uns hier so viele Chancen offenstehen. 

Gibt es ein Erlebnis, was Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist? 

Da gibt es sehr viele! Vor allem haben mich die Begegnungen mit den Menschen vor Ort geprägt, die immer freundlich sind, egal wie wenig sie besitzen. Sie empfangen jeden Gast mit offenen Armen. Sie erzählten mir bereitwillig aus ihrem Alltag und ließen mich sie begleiten, auch wenn sie nicht verstanden haben, warum ich für sie ganz alltägliche Dinge gefilmt oder fotografiert habe. Eine bewegende Geschichte ist die von einem siebzigjährigen Mann, der gemeinsam mit seiner nur drei Jahre jüngeren Frau neunzehn seiner Enkel großzieht, weil deren Eltern an AIDS verstorben sind. Das Strahlen in ihren Augen, als wir in einem gemeinsamen Projekt mit der Herman-van-Veen-Stiftung dieser Familie nach vorheriger Ausbildung eine Milchkuh übergeben konnten, damit sie Nahrung und ein Einkommen haben, werde ich nie vergessen. Ein anderes Erlebnis war die Begegnung mit Lopeyok, einem Mann aus dem Südsudan, der mir bei einem Besuch in seinem Dorf aus Dankbarkeit zwei Ziegen geschenkt hat, die immer noch in seiner Herde laufen und sich hoffentlich fleißig vermehrt haben. Ich könnte noch lange so weitererzählen!

Was hat der Verein „Tierärzte ohne Grenzen“ in der Zukunft vor? Können sich auch andere Menschen einbringen und den Verein unterstützen?

Natürlich kann sich jeder einbringen, der unsere Arbeit unterstützen möchte. Für Projekte Leute nach Afrika zu schicken ist etwas problematisch, da wir oft in Krisenregionen arbeiten und es auch vor Ort viele Fachkräfte gibt, die über ihre Arbeit für ToGeV ein Familienkommen haben. Aber hier in Deutschland brauchen wir Unterstützer:innen, die andere Menschen für die Thematik sensibilisieren. Vor allem Spenden helfen uns sehr: Für Projekte muss der Verein stets Eigenmittel aufbringen. Gerade durch die coronabedingten sozialen und wirtschaftlichen Einschränkungen geht es gerade für viele Menschen im ländlichen Afrika um ihre Existenz, da es keine Krankenkassen oder staatlichen Unterstützungen gibt, beispielsweise bedeutet eine pandemiebedingt geschlossene Schule für einen Lehrer dort kein Einkommen, mit dem er seine Familie ernähren kann. Wer Tierärzte ohne Grenzen unterstützen möchte, kann mich gern ansprechen oder sich auch hier informieren: https://www.togev.de/unterstuetzen/  .