Portrait #3: Christian Nawroth


In seinem Element – Dr. Christian Nawroth in Mensch-Tier-Interaktion mit den schlauen FBN-Ziegen. Foto: Nordlicht/FBN

Ziegenflüsterer und Networker

Es ist wohl auch ein Verdienst von Dr. Christian Nawroth, dass der Volksmund „Du dumme Ziege“ inzwischen als nicht zutreffend belegt werden konnte. So konnte er unter anderem mit seinen Forscherkollegen am FBN-Institut für Verhaltensphysiologie aufzeigen, dass die Ziegen gute Hütchenspieler sind und wissen, wann sie beobachtet werden.

Seit vielen Jahren hat sich der 37jährige der Tierverhaltensforschung verschrieben und gilt als einer der aktivsten Nachwuchswissenschaftler auf diesem Gebiet speziell bei den Nutztieren. Vor allem geht es ihm darum, mit diesem Wissen die Haltungsumwelt der Tiere und die Mensch-Tier-Interaktionen zu verbessern.

Die Karrierewege des gebürtigen Brandenburgers führten über Mühlberg an der Elbe, wo er aufwuchs, zu den Universitäten in Gießen und Würzburg. Dort absolvierte er ein Biologiestudium, weil ihn schon als Schüler Tiere und die Umwelt brennend interessiert haben. An der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in Sachsen-Anhalt promovierte der zweifache Familienvater beim renommierten Prof. Eberhard von Borell zur Lernfähigkeit von Huftieren. Nach erfolgreicher Dissertation schlossen sich zwei Jahre als Post Doc an der Queen Mary Universität in London an, bis Dr. Christian Nawroth 2017 als Postdoc ans Leibniz-Institut für Nutztierbiologie nach Dummerstorf wechselte.

Dort konnte er in ein großes deutsch-schweizerisches Forschungsprojekt unter Leitung von Dr. Jan Langbein (FBN) und Dr. Nina Keil (Agroscope Tänikon) mit Wild- und Hausziegen einsteigen. Seit drei Jahren wird gemeinsam untersucht, welche Auswirkungen ein langfristiges Training auf die Haltung und das Wohlbefinden der Tiere hat. Außerdem werden der Einfluss der Domestikation auf das Lernverhalten und die kognitiven Fähigkeiten erforscht. Die Ergebnisse der dreijährigen Arbeit stehen kurz vor der Publikation. Der Wissenschaftler schätzt das langjährige Know-how des FBN in der Verhaltensforschung. „Neben der guten Ausstattung und Infrastruktur ist die wissenschaftliche Arbeit am FBN im Bereich Nutztierverhalten und -kognition breit aufgestellt und wird ganz gezielt gefördert.“


Was reizt einen Wissenschaftler an der Verhaltungsforschung?
„Man bekommt einen tiefen Einblick darin, wie Tiere ihre Umwelt wahrnehmen und wie fundamental unterschiedlich deren Wahrnehmung von unserer eigenen sein kann“, sagt der Biologe. Die Liste der Tiere, mit denen er sich wissenschaftlich beschäftigt hat, ist lang: Ameisen, Fruchtfliegen, Menschenaffen, Schweine, Ziegen, Schafe, Pinguine, Pferde und Kühe waren schon Gegenstand seiner Arbeit. „Bei den Nutztieren aber übten Ziegen und Schweine immer die größte Faszination auf mich aus.“

Das liegt auch daran, dass ihn vor allem die Ziegen immer wieder mit ihrer Intelligenz überrascht haben. „Den größten AHA-Effekt hatte ich persönlich, als wir am FBN ein Experiment zu Objektpermanenz bei Ziegen durchgeführt haben. Obwohl wir Futter unter einem von zwei Hütchen versteckt hatten und beide Hütchen dann vertauschten, wussten die Ziegen, ähnlich wie Primaten, dass das Objekt der Begierde noch existiert und nicht wirklich verschwunden war. Dies war einer von vielen Momenten, welche mich lehrten, die geistigen Fähigkeiten von Nutztieren nie zu unterschätzen.“

Ein riesiges internationales Medienecho gab es auch bei der Erkenntnis, dass Ziegen ähnlich wie Hunde Hilfe beim Menschen suchen, wenn sie vor ein Problem gestellt werden, welches sie nicht allein lösen können. Auch „Ziegen, die auf Männer starren“ machten ordentlich Schlagzeilen. So konnte nachgewiesen werden, dass die Tiere genau wissen, wer sie beobachtet und ihnen Aufmerksamkeit schenkt. „Somit trägt die Verhaltungsforschung entscheidend mit dazu bei, dass auch die Menschen klüger werden, was die Tiere und ihre Bedürfnisse anbelangt.“
 

Wissenschaftskommunikation als gesellschaftliche Notwendigkeit
Der junge Wissenschaftler möchte, dass die Ergebnisse der Forschung im Austausch mit den Kollegen, aber auch in der Gesellschaft stärker öffentlich kommuniziert und diskutiert werden. Dabei geht er mit gutem Beispiel voran. Auf dem von Wissenschaftlern bevorzugten Social-Media-Kanal Twitter hat er über 3.500 Follower (@GoatsThatStare). Über 31.000 Tweets hat er schon abgesetzt oder retweetet. Als Gründer der Slackgruppe „Animal Welfare“ mit mittlerweile mehr als 700 Wissenschaftlern moderiert Dr. Christian Nawroth alle zwei Wochen Webinare zu Tierwohl und -verhalten.

Außerdem bloggt er auf seiner Homepage (christiannawroth.wordpress.com) und veröffentlicht seine aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten mit Open Access Lizenzen. „Ich habe damit bisher fast ausnahmslos positive Erfahrungen gemacht. Ich möchte alle Wissenschaftler dazu ermutigen, die derzeitige gesellschaftliche Sichtbarkeit und Transparenz ihrer Arbeit zu hinterfragen. Vor allem soziale Medien bieten großartige Möglichkeiten, um zu Netzwerken und seine Forschung einem breiteren Publikum zu vorzustellen.“

Weltweit den Kontakt zu suchen, ist für den Neu-Rostocker selbstverständlich. Angekommen fühlt er sich aber mit seiner Familie an der Ostseeküste, auch wenn er ein wenig die englische Pub- und Pop-Kultur vermisst. „Ich fühle mich sehr wohl in Mecklenburg-Vorpommern - es gibt so viel Natur zu entdecken. Lieblingsplätze sind die Strände um Graal-Müritz, der Wald auf dem Darß und die Mecklenburgische Schweiz. Seit anderthalb Jahren gehört dazu auch ein eigener Schrebergarten. „Selber Gemüse und Obst anzubauen hat etwas Meditatives. Der perfekte Ort, um aktiv zu sein und doch abschalten zu können.“