Prof. Dr. habil. Ernst Ritter zum 90. Geburtstag

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Am 14. April begeht Prof. Dr. habil. Ernst Ritter, der Nestor der Hybridschweinezucht, seinen 90. Geburtstag.

Im Laufe seiner langen wissenschaftlichen Karriere, die ihn über Jena und Bernburg 1970 nach Dummerstorf führte, entwickelte er eine Reihe innovativer Zuchtverfahren und überführte sie mit Erfolg in die Praxis. Als langjähriger Schriftleiter und Chefredakteur der Zeitschrift „Archiv für Tierzucht“ hat er sich um die Verbreitung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse bleibende Verdienste erworben.

Anfangsjahre

Prof. Dr. habil. Ernst Ritter wurde am 14. April 1929 im niederschlesischen Schweidnitz (heute Świdnica) geboren. Dort besuchte er die Oberrealschule. In Folge des Zweiten Weltkrieges musste die Familie 1945 die Heimat verlassen und baute sich in der sowjetischen Besatzungszone eine neue Existenz auf. Ernst Ritter begann eine landwirtschaftliche Berufsausbildung in Sachsen und Thüringen, die er 1949 als „staatlich geprüfter Landwirt“ in Eisenach abschloss. Anschließend studierte er Landwirtschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und erwarb 1952 das Landwirtschaftsdiplom. Die folgenden acht Jahre arbeitete er am dortigen Institut für Tierzucht und Milchwirtschaft als Assistent und Oberassistent bei Prof. Dr. Dr. hc. Fritz Hofmann (1900-1965), einem der großen deutschen Tierzüchter des 20. Jahrhunderts. Die Arbeit mit ihm prägte den jungen Wissenschaftler nachhaltig. Hofmann war es auch, der ihn für seine Lebensaufgabe – die Züchtung fleischreicher Schweine – begeisterte.

Neue Trends in der Züchtung

1956 promovierte Ernst Ritter mit der Arbeit „Vergleichende Untersuchungen über die Körperentwicklung, Mast- und Schlachtleistung je eines Stammes deutscher und schwedischer veredelter Landschweine“. Seine Forschungen zur Umzüchtung des Deutschen veredelten Landschweins durch Einkreuzung skandinavischer Landschweinrassen wurden damals sehr kritisch betrachtet. Das Dogma der Reinzucht war gegenüber der von Ritter propagierten Gebrauchszucht bei den Züchtern sehr präsent. Mit großer Beharrlichkeit leistete Ernst Ritter Überzeugungsarbeit und ließ sich auch durch Rückschläge, wie die Verweigerung der Herdbuchfähigkeit seiner Jenaer Fleischschweinzucht im Jahre 1958, nicht entmutigen. 1960 übernahm er als Direktor die Leitung des Instituts für Landwirtschaft Tautenheim und setzte dort seine Forschungen fort. Als er 1965 seine Habilitation „Die Leistungen fleischwüchsiger Deutscher veredelter Landschweine : ein Beitrag zum Problem der Umzüchtung des Deutschen veredelten Landschweines unter besonderer Berücksichtigung der in Jena durchgeführten Züchtungsarbeiten“ an der Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Jena vorlegte, war der im Titel aufgeführte Prozess der Umzüchtung vom „Hausschlachtschwein des Bauern […] zum Marktschwein […], welches den Bedürfnissen der Konsumenten […] entsprach“ (Ritter 1966) schon in vollem Gange. Ritters Erfolgsrezept war es, das Tier immer als Ganzes zu betrachten, genau wie es auch der Langzeitforschungsstrategie des Leibniz-Instituts für Nutztierbiologie (FBN) entspricht.
1964 wurde Ernst Ritter zum Dozenten für Tierzucht an die 1961 gegründete Hochschule für Landwirtschaft Bernburg berufen. Neben seiner Lehrtätigkeit arbeitete er dort weiter am Hybridschweinezuchtprogramm der DDR.

Forschungszentrum für Tierproduktion Dummerstorf-Rostock

1970 wechselte Ernst Ritter an das am traditionsreichen Standort neu gegründete Forschungszentrum für Tierproduktion Dummerstorf-Rostock und übernahm dort die Leitung der Abteilung Schweinezucht. In den mehr als 20 Jahren seines Wirkens hat er zusammen mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Vielzahl von Forschungsvorhaben durchgeführt und damit die deutsche Schweinezucht maßgeblich geprägt. Schwerpunkte waren die Entwicklung, Prüfung und Anwendung komplexer Selektionsindizes in der Schweinezüchtung, ebenso wie Arbeiten zur Verbesserungen der reproduktiven Fitness, zur Erhöhung der Wurfaufzuchtleistung und der effektiven Zucht-und Reproduktionsorganisation. Weiterhin führte er seine in den 1950er Jahren begonnenen zuchtexperimentellen Arbeiten zur Züchtung leistungsstarker Fleischschweine fort.
In Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen wurde Ernst Ritter 1975 mit dem „Nationalpreis für Wissenschaft und Technik“ geehrt und 1976 zum Professor der Akademie der
Landwirtschaftswissenschaften der DDR (AdL) ernannt. In den folgenden Jahren führte er die die Arbeiten zur reproduktiven Fitness fort. Neuen Entwicklungen stand er dabei immer offen gegenüber. So setzte man in seiner Abteilung bereits ab Mitte der 1980er Jahre auf computergestützte Modellierung und Umsetzung von Reproduktions- und Selektionsprogrammen.
Bei den Kolleginnen und Kollegen war Ernst Ritter nicht nur wegen seiner fachlichen, sondern auch seiner sozialen Kompetenz sehr geschätzt. Seine freundliche, offene und aufrichtige Art macht ihn bis heute zu einem angenehmen Gesprächspartner.

„Archiv für Tierzucht“

Untrennbar ist der Name Ernst Ritter mit dem „Archiv für Tierzucht“ verbunden, seiner zweiten großen Lebensaufgabe. Bereits in der ersten Ausgabe der 1958 von Prof. Dr. Wilhelm Stahl (1900-1980) begründeten wissenschaftlichen Zeitschrift war er zusammen mit seinem Lehrer Hofmann mit einer Arbeit über „Mast – und Schlachtleistungen verschieden schwerer deutscher und schwedischer veredelter Landschweine“ vertreten. Viele weitere Beiträge folgten.
1979 übertrug die AdL Ernst Ritter die Schriftleitung, die er auch weit über seinen verdienten Ruhestand hinaus, in den er 1994 trat, bis zum Jahr 2005 innehatte.
Anfang der 1990er Jahre begannen für das „Archiv für Tierzucht“ schwierige Zeiten, da die AdL, die bis dahin als Herausgeberin der Zeitschrift fungiert hatte, aufgelöst wurde. Mit viel Engagement und auch persönlichem finanziellen Einsatz ermöglichte er das fortlaufende Erscheinen der Zeitschrift, bis mit dem Forschungsinstitut für die Biologie landwirtschaftlicher Nutztiere, dem heutigen Leibniz-Institut für Nutztierbiologie (FBN), ein neuer Herausgeber gefunden wurde.
Während dieser Zeit forcierte er die Transformation des „Archivs für Tierzucht“ von der „Hauszeitschrift“ des Instituts zur internationalen Fachzeitschrift.
Heute präsentiert sich „Archives Animal Breeding“, wie sich „Archiv für Tierzucht“ seit 2015 nennt, als etablierte Open Access Zeitschrift mit einem Impact Factor von 1,203 (2017, Q2 in „Agriculture, Dairy & Animal science“).

Noch immer nimmt Ernst Ritter, dem die 90 Lebensjahre nicht anzusehen sind, regen Anteil an der Entwicklung der Zeitschrift. Nach wie vor verfolgt er mit großem Interesse die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem Gebiet der Tierzucht, so wie er es Zeit seines Lebens getan hat. Allerdings fährt er im Unterschied zu seiner Jenaer Zeit heute nicht mehr mit einem Dixi, sondern einem Auto japanischer Bauart vor, wenn er die wöchentlichen Kolloquien des Leibniz-Institut für Nutztierbiologie (FBN) besucht.


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